Foto: Frank Paulus

Die islamische Revolution im Iran 1979 veränderte alles. Die Monarchie war gestürzt, Ajatollah  Chomeini kehrte aus dem Exil nach Teheran zurück und Nilou erblickte das Licht der Welt. Trotz der radikalen Reformen im Iran verbrachte die kleine Nilou unbeschwerte acht Jahre im Schoß ihrer Familie in Isfahan. Eines Tages jedoch musste sie mit ihrem Bruder und  der Mutter das Land verlassen. Ihre medizinische Ausbildung und ihr christlicher Glaube machten die Mutter immer mehr zur Zielscheibe der islamischen Sittenpolizei. Die Gängelung wurde zur Tagesordnung, sie lebte in ständiger Angst verhaftet zu werden. Als Nilou wieder einmal den märchenhaften Geschichten ihres Vaters lauschte, sagte er: “Du und dein Bruder, ihr werdet mit eurer Mutter eine große Reise machen. Und später kommen wir dann alle wieder hierher.“ Diesmal war es keine erfundene Geschichte, sondern bittere Realität.

Zwei Jahre dauerte die Reise, bis Mutter und Kinder in Amerika eine neue Heimat finden konnten. Inzwischen ist die dreißigjährige Nilou eine selbstbewusste Frau mit Yale Studienabschluss geworden. Ihre wissenschaftlichen Karriere findet in den Niederlanden eine neue Herausforderung und so lebt sie fortan mit ihrem französischen Mann Guillaume in Amsterdam.
Dort macht sie irgendwann zufällig Bekanntschaft mit einer Gruppe iranischer Exilanten und die gewaltsam durchtrennten Wurzeln ihrer Herkunft beginnen erneut zu schmerzen, die Vergangenheit kehrt zurück, und mit ihr die Fremdheit und innere Zerrissenheit. Die Ehe mit Guillaume wird zu einer Belastungsprobe, der westliche Lebensstil und Guillaumes Unverständnis für ihren Kummer tragen zur Krise bei. Die geteilten Erinnerungen mit den Amsterdamer Exil-Iranern wird ihr zu einer neuen Zuflucht.

Ihren geliebten Vater, der im Iran zurückgeblieben ist, hat Nilou im Abstand vieler Jahre nur ganze drei Mal treffen können. Um die abscheulichen Maßnahmen im Land der Mullahs zu ertragen, wurde der Vater im Laufe der Zeit opiumsüchtig.Diese Treffen, die mal in New York, London oder Istanbul stattfanden, zeigten trotz aller Herzlichkeit und Wärme auch den unüberbrückbar großen Abstand innerhalb der Familie und den mittlerweile geschiedenen Eltern. Bei einem weiteren Treffen in Amsterdam wird sich Nilou der Unentrinnbarkeit ihrer Herkunft und Identität bewusst und auch wenn ihr das Land ihrer Herkunft fremd bleibt, hat sie doch ihre Heimat in der Gemeinschaft ihrer Familie wiedergefunden.

„Drei sind ein Dorf“ ist ein gelungener und vielschichtiger Roman einer Fluchtgeschichte, die das Drama des Exils von Integration und Fremdheit, von kulturellen Konflikten, von Traditionen und Abgrenzung behandelt. Er zeigt gekonnt und mit sprachlicher Brillanz die innere Zerrissenheit durch Anpassung und Identitätssuche.

Die Autorin Dina Nayeri verarbeitet in diesem Buch große Teile und Gefühle aus ihrem eigenen Leben und erzählt eindringlich was mit einem Menschen passiert, der sich an alles anpasst, dabei aber sich selbst verleugnet. Meisterhaft berichtet die Autorin wie die Erinnerungen über Umwege zurückkehren und die Rückbesinnungen auf die eigenen Wurzeln Gewissheiten verschwinden lässt, dadurch aber auch Neuanfänge möglich macht.

Dina Nayeri – „Drei sind ein Dorf“ ausleihbar in der Stadtbücherei Würzburg

Buchtipp: Dina Nayeri – Drei sind ein Dorf

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