
Unsere Azubine Marie war im Oktober und November für zwei Wochen mit ihrer Mitschülerin Joela in Groningen. Dort durfte sie im Rahmen eines Erasmus+ Auslandspraktikums im Forum Groningen mitarbeiten. Das zu einem Praktikum natürlich auch eine gewisse Vorbereitung gehört, habt ihr ja schon im letzten Blogartikel gesehen, heute dreht sich alles um die erste Woche des Praktikums.
Montag: Das Forum Groningen

© Marie Bonfig
Wie wir Deutschen halt so sind, standen wir schon ein paar Minuten vor der angegebenen Zeit vor dem Forum und warteten mit einigen Studierenden auf die Öffnung der Bücherei. Als wir da so warteten, öffnete sich überraschend eine Seitentür und ein älterer Mann fragte uns direkt, ob wir nicht die zwei deutschen Praktikantinnen seien. Was uns verraten hat? Keine Ahnung, vielleicht unser aufgeregtes Schnattern in einer Laufstärke, die nicht zu überhören war? Aber das sind nur Gerüchte!
So lernten wir Mark kennen. 39 Jahre hatte er im Forum gearbeitet, seit zwei Wochen war er in Frührente – und trotzdem noch da. Für deutsche Gruppen kommt er regelmäßig zurück, denn er spricht fast perfektes Deutsch.

© Marie Bonfig

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In einem Gruppenraum erzählte er uns von der Arbeit im Forum, der Etatverteilung und der Entwicklung des Hauses. Anschließend führte er uns durch das beeindruckende, zehnstöckige Gebäude. Das 2019 eröffnete Forum war anfangs stark umstritten: Ein modernes Bauwerk mitten in einer Stadt mit überwiegend historischer Architektur. Zusätzlich erschwerten Erdbeben in der Region den Bau – bereits errichtete Mauern mussten wieder eingerissen werden. Heute ist es das kulturelle Herzstück der Stadt.
Am Nachmittag ging es ins „Wonderland“, die Kinderbibliothek. Wir staunten nicht schlecht, ein zweistöckiger Bereich nur für die Kinder. Dort können sie beinahe tun und lassen, was sie wollen, denn viele Regeln gibt es hier nicht. Wie Alice, sollen die Kinder im Wonderland wachsen und sich austoben können.


© Marie Bonfig
Später besuchten wir das frisch renovierte Clubhuis Selwerd, eine der Stadtteilbüchereien. Da diese ihren ersten Öffnungstag nach der Renovierung hatte, war es vor allem hinter den Kulissen noch etwas chaotisch. Gemeinsam mit Leonie, einer Mitarbeiterin der Bibliothek, bemalten wir „Happy Stones“ – kleine Steine, die anderen Menschen ein Lächeln schenken sollen. Spannend fanden wir: Leonie hat ursprünglich Musik studiert. In den Niederlanden ist kein Bibliotheksstudium notwendig, um in einer Bibliothek zu arbeiten. Ein ganz anderer Ansatz als in Deutschland.
Dienstag: Bibliothek ohne Mahngebühren
Der zweite Tag begann erneut im Forum. Endlich lernten wir Esmé kennen, die unser Praktikum organisiert hatte. Wir durften auf „Plein 3“ (die Etage mit den Romanen) Bücher zurück in die Regale stellen und vorbestellte Medien heraussuchen.




© Marie Bonfig

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Besonders interessant war unser Gespräch mit der Kommunikationsabteilung:
Im Forum gibt es keine Mahngebühren. Ein Konzept, das in Deutschland kaum vorstellbar scheint – und dennoch funktioniert es. Wird ein Medium gar nicht zurückgegeben, muss lediglich der Anschaffungspreis ersetzt werden.
Am Nachmittag arbeiteten wir wieder im Wonderland. Dort überprüften wir die Regalordnung und testeten die Spiele, da wir diese aus Deutschland nicht kannten.
Mittwoch: Tattoos, Comics und eine Silent Reading Party

© Marie Bonfig

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Im 4. Stock besuchten wir die temporäre Tattoo-Ausstellung. Diese zeigt die Geschichte von Tattoos und ihre Bedeutung in den verschiedenen Kulturen weltweit. Die Ausstellung war sowohl mit Niederländischen als auch mit englischen Texten versehen, sodass wir keine Verständnisprobleme hatten. Danach ging es gleich weiter in die nächste Ausstellung. Im „Storyworld“ konnten wir in die Welt der Comics eintauchen. Die Storyworld-Ausstellung ist interaktiv gestaltet, dort konnten wir einen Clip von Shaun das Schaf vertonten, einen Mini-Trickfilm produzierten und mit Greenscreen-Technik experimentieren.
Am Nachmittag fuhren wir zur Bibliotheek Lewenborg, einer kleineren Stadtteilbibliothek. Dort arbeitet nur eine bezahlte Kraft, unterstützt von Ehrenamtlichen. In einem Gespräch mit der Leitung der Zweigstelle konnten wir viele Informationen über die Arbeit dort sammeln. Danach schauten wir uns noch ein wenig in der Bücherei um. Die Theke aus alten Büchern hatte es uns besonders angetan.

© Marie Bonfig

© Marie Bonfig

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Abends kehrten wir ins Forum Groningen zurück – zur Silent Reading Party. Eine Party ganz ohne Alkohol, laute Musik und tanzen. Dafür in bequemen Sesseln und mit einem Buch in der Hand, also die perfekte Party für uns FaMIs. 😊
Donnerstag: Die Bibliothek Hoogezand

© Marie Bonfig
Am Donnerstag machten wir uns auf eine etwas längere Reise mit dem Bus. Über eine halbe Stunde fuhren wir immer weiter stadtauswärts, bis wir bei der Bibliothek Hoogezand ankamen, welche in der Provinz Groningen liegt und organisatorisch unabhängig vom Forum ist. Im Medienaustausch arbeiten die Bibliotheken jedoch eng miteinander. Hier bekamen wir eine Führung durch die Räumlichkeiten. Währenddessen lernten wir einen älteren Herren kennen, der den Besucher:innen bei digitalen Fragen half. Ein wichtiger Service, da viele Behördengänge in den Niederlanden digital ablaufen. Auf einer Hochebene entdeckten wir dann noch 3D-Drucker, Roboter, Nähmaschinen und Werkmaterialien für Veranstaltungen. Die Bibliothek ist hier klar ein sozialer Treffpunkt.
Kurz vor Ende unserer Führung wurden wir dann noch auf einen Kasten aufmerksam, der mitten im Raum stand. Die Mitarbeiterin erklärte uns dann, dass dies die Rückgabeanlage der Bibliothek ist. Die Nutzer: innen stellen ihre Bücher einfach in die Fächer des Kastens. Die Bücher werden dann automatisch zurückgebucht. Auf einem Bildschirm wird dann für die Mitarbeiter angezeigt, in welche Bibliothek die Bücher gehören. Nach einem spannenden Tag verabschiedeten wir uns von den Mitarbeitern dort und fuhren mit dem Bus wieder zurück in die Stadt fahren.

© Marie Bonfig

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Freitag: Auskunftsdienst und Dungeons & Dragons

© Marie Bonfig

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Vormittags arbeiteten wir im Auskunftsdienst, bearbeiteten Vorbestellungen und sortierten Transportkisten für andere Standorte.
Abends stand ein besonderes Event an: ein Dungeons & Dragons-Abend. Das Rollenspiel wird von einer externen Firma organisiert. Das Forum stellt nur die Räume und verkauft die Tickets. Rund 60 Teilnehmende waren dabei – viele Stammgäste, einige auch gleich kostümiert. Gespielt wird meist auf Englisch, manchmal auch auf Niederländisch. Für jeden Abend wird eine neue Geschichte geschrieben – ein kreatives Gemeinschaftserlebnis, welches bis spät in die Nacht andauert.
Sonntag: Ein Chor in der Bibliothek

© Marie Bonfig
Sonntags geöffnet? In den Niederlanden völlig normal. Sonntags sind fast alle Geschäfte und auch die Biblioteheken geöffnet. Zuerst hörten wir zwei Stunden lang einem Chor bei „Op de Bühne“ zu. Jede:r kann sich anmelden, auftreten und das Erdgeschoss des Forums für einen Vormittag die eigene Bühne nennen.
Anschließend besuchten wir noch das SmartLab. Dort wurde dieses Mal das Thema KI behandelt. Interessierte konnten ausprobieren, was mit verschiedenen Tools mittlerweile alles möglich ist. Das SmartLab bietet regelmäßig wechselnde Mitmach-Stationen – inklusive 3D-Druckern und Technik-Workshops.
Die erste Woche ging schneller um als erwartet. Was wir in der zweiten Praktikumswoche im Forum Groningen so erlebt haben, erfahrt ihr im nächsten Blogartikel zum Auslandspraktikum.
