Meine persönlichen Vorbehalte, es könnte sich hier um ein tendenziös-religiöses Buch handeln, verschwanden augenblicklich mit dem Lesen der ersten Seiten.  Das Grundgerüst der Handlung ist eigentlich schnell erzählt: Es ist die Geschichte des Priesters Peter Leigh aus England, der von dem allmächtigen Großkonzern USIC  ausgesucht wurde,  um zu dem fernen Planeten Oasis mitzureisen. Er soll dort den Einheimischen das Christentum näher bringen.

So schwer es ihm auch fällt, muss er nun seine geliebte Frau Bea für unbestimmte Zeit auf der Erde zurücklassen. Die Liebe, die nun Milliarden von Kilometern Entfernung aushalten muss, wird auf eine harte Probe gestellt. Die Liebenden können nur noch über digitale Briefe miteinander kommunizieren. Doch während Peter die anfängliche Sorglosigkeit und Leichtigkeit seiner Mission genießt, wird das Leben für Bea immer schwieriger. Die Erde versinkt im apokalyptischen Chaos, Erdbeben und Flutwellen vernichten ganze Erdteile, Hungersnöte und Bürgerkriege nehmen zu. Auch für Peter wird das paradiesische Leben auf Oasis immer obskurer. Die Zivilisation der Einheimischen scheint ein bedrohliches Geheimnis zu verbergen. Die Menschen auf der Forschungsstation bleiben kühl und distanziert. Peter und Bea werden sich immer fremder, die Liebenden driften immer weiter auseinander, die Kraft des Glaubens schwindet, die Zukunft ist ungewiss.

„Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ ist eine großartige Metapher über das Zusammenleben der Menschen und der Zukunft unseres Planeten. Dem Autor gelingt hier ein großer Wurf, ein erzählerisches und dramaturgisches Experiment und zugleich ein Buch über das Abschiednehmen und die Vergänglichkeit. Das Buch spielt meisterhaft mit den Erwartungen des Lesers und ist in seinem ruhigen und direkten Erzählton nie wirklich vorhersehbar, es lebt von den Kontrasten und facettenreichen Schilderungen psychologischer Darstellungen. Die Ereignisse auf Oasis werfen sofort viele Fragen auf: Verstehen die Einheimischen in letzter Konsequenz wirklich, was der Priester Peter Leigh ihnen mitzuteilen versucht? Was ist eigentlich mit seinem Vorgänger passiert, der verschwunden ist und über den niemand reden will? Was sind das für merkwürdige Kreaturen, die über den Ernteanbau der einzigen dort wachsenden Pflanze herfallen? Was machen die Oasier eigentlich mit den Unmengen der Medikamente, die sie im Tausch gegen diese Pflanze, aus der sich vielerlei Lebensmittel herstellen lassen, erhalten? Was hat es mit den Gefühlen auf sich, die Peter gegenüber der USIC-Apothekerin Alex Grainger entwickelt?

Michael Faber hat mit diesem Buch einen hoch komplexen und vielschichtigen Roman verfasst, der nicht nur die Zerstörung unseres Planeten beinhaltet, sondern auch ein Unikat über Erinnern und Vergessen, über Entfernung und Abschied ist, denn in vielen Abschnitten ist eine große Trauer zu spüren. Der Autor selbst musste sich in der sechsjährigen Schaffensphase von seiner krebskranken Frau verabschieden, die ihm bis zum Schluss mit Rat und Tat zur Seite stand. Und dennoch bleibt am Ende der Eindruck auch ein liebe-und-hoffnungsvolles Buch gelesen zu haben.

Michel Faber – „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ ausleihbar in der Stadtbücherei Würzburg

Buchtipp: Michel Faber – Das Buch der seltsamen neuen Dinge

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