„Pass auf, was du mit fremden Menschen im Internet teilst!“ Das sagen viele Eltern ihren Kindern und laden gleichzeitig Fotos der lieben Kleinen auf verschiedenen Social-Media-Kanälen hoch. Sie sind halt so süß und es sind schließlich keine Nacktbilder. Fotos, die vor den Zeiten des Internets sicher in Familienalben ruhten und nur ausgewählten Menschen gezeigt wurden, um sich darüber zu amüsieren, sind plötzlich online auffindbar. Aber was bedeutet es für diese Kinder, wenn sie älter werden und Millionen Menschen ihre Kinderfotos sehen und kommentieren können? Mit dieser Frage setzt sich „Please unfollow“ eindrücklich auseinander.
Eine gläserne Kindheit
Als die siebzehnjährige Sherry in ein Camp für straffällige Jugendliche kommt, das gänzlich von Internet und Social Media abgeschnitten ist, ist sie erleichtert. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie die Chance, andere Jugendliche kennenzulernen, ohne dass diese sofort alles über sie wissen. Denn Sherrys Eltern verdienen als Influencer ihr Geld und haben ihr Leben seit ihre Tochter ein Baby war gefilmt und auf Youtube und Tiktok vermarktet. Egal, wie peinlich oder persönlich ein Moment war, Hauptsache, er bringt Klicks. Sherry wurde in der Schule gemobbt, von Followern gestalkt und das Ziel von Pädophilen – alles wegen scheinbar harmloser Videos. Bis sie etwas Drastisches tut und ausgerechnet im Camp für straffällige Jugendliche die Chance bekommt, sie selbst zu sein, ohne Kameras und Millionen Augen auf sich. Sherry will nichts mehr als einen Neuanfang. Aber ihre digitale Vergangenheit lässt sich nicht so leicht abschütteln…

Please unfollow!
Das erschütternde an „Please unfollow“ ist, dass Sherrys Schicksal nicht weit hergeholt ist. Viele Eltern missachten die Privatsphäre ihrer Kinder und posten Bilder von ihnen im Internet. Meist ohne böse Absicht, aber was einmal im Netz ist, verschwindet nicht mehr. Wer fühlt sich wohl mit dem Gedanken, dass Babyfotos oder peinliche Teenager-Bilder ohne Einverständnis ins Internet gestellt werden? Die Kinder haben keine Wahl und müssen später damit leben, dass ihr Recht am eigenen Bild missachtet wurde. Von der Bedrohung durch Pädophile oder KI-generierten Deepfakes ganz zu schweigen. Auch damit muss sich Sherry herumschlagen und die Konsequenzen der Entscheidungen ihrer Eltern tragen.
Ihr ganzes Leben war Sherry transparent und hat beigebracht bekommen, alles für die Follower zu tun, unbedingt gefallen zu müssen. Sie muss erst lernen, dass es auch Menschen gibt, die sie ihretwegen mögen und nicht, weil sie sie für content oder Aufmerksamkeit benutzen können. Der Prozess, zu verstehen, dass das, was ihre Eltern ihr angetan haben, nicht in Ordnung ist, ist lang und schmerzhaft. Das Buch liest sich trotzdem unheimlich schnell, was kurzen Kapiteln und sympathischen Figuren geschuldet ist. Zwischendurch gibt es immer wieder Abschnitte mit Szenen aus den Videos, die Sherrys Eltern gepostet haben – inklusive Kommentare. Beides verursacht mir eine Gänsehaut und zwar nicht im positiven Sinn. Sherry ist fiktiv, aber auf uns kommen Generationen von Kindern und Jugendlichen zu, die ähnlich transparent aufgewachsen sind.
„Please unfollow“ ist ein mitreißendes Buch, das betroffen macht und hoffentlich viele Menschen wachrüttelt, wenn es darum geht, was wir im Internet teilen. Gerade wenn es Kinder betrifft, die noch nicht selbst mitreden können.

